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Wer
ist Dietrich Bonhoeffer? Seine Mutter ist Lehrerin, der Vater
Neurologe, zuerst Professor in Breslau, wo Dietrich Bonhoeffer als
sechstes von acht Geschwistern am 4. 2. 1906 geboren wird. Ab 1912
lebt die Familie in Berlin. Es ist eine musisch aufgeschlossene
Familie, politisch wach, angesiedelt zwischen der liberalen
„Vossischen Zeitung“ und dem sozialdemokratischen
„Vorwärts“. Seit 1930 ist sie sicher: „Hitler
wählen bedeutet Krieg!“. Geprägt wird sie stark durch
die Natur und Rechtswissenschaften, die in der Verwandtschaft wie in
der Nachbarschaft Ausbildungs- und Berufsgänge in diskussionsfreudigen Runden bestimmen.[i]
Dietrich
Bonhoeffer studiert von 1923 bis 1927 Evangelische Theologie in
Tübingen, Rom und Berlin, promoviert mit 21 Jahren über das
Verständnis von Kirche in soziologischer und theologischer Sicht
(Sanctorum Communio).
Eine Schlüsselthese dieser Arbeit versteht die christliche
Gemeinde als eine irdische Existenzform von Jesus Christus („Christus
als Gemeinde existierend“). So
kümmerlich die Kirche auch ist, sie verkörpert im wahrsten
Sinne Jesus Christus. Sie gibt ihm Realität und Gestalt im
Diesseits. In einer anderen Lebensform sind „die Mühseligen
und Beladenen“ auf dieser Erde der Christus, in denen er sich
finden lässt. „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“
– dieses Bibelwort (aus den Sprüchen Salomons 31,8) wird
zum Lebensmotto Bonhoeffers. Beide Aspekte seines
Kirchenverständnisses lenken seinen äußerst kritischen Blick auf die Wirklichkeit,
gerade auch der „stumm Gemachten“ und erwarten ein
verantwortliches Handeln, das der anderen Wirklichkeit, der Christus-Existenz gerecht zu werden versucht.
II
1930
habilitiert Bonhoeffer sich (Akt und Sein),
geht aber erst noch einmal (1930/31) für ein Studienjahr nach
New York an das „Union Theological Seminary“. Hier hat er
zwei entscheidende Begegnungen: Einmal mit dem aus der französischen Hugenotten-Tradition stammenden Mitstudenten Jean Lasserre, dessen Pazifismus in einer
ernst genommenen Bergpredigt wurzelt. Zum anderen schließt er Freundschaft mit Frank Fisher, einem schwarzen Baptistenpfarrer in
Harlem, in dessen Gemeinde er mitarbeitet: Dort lernt er die ganze
Schärfe der sog „Rassenfrage“ kennen – eine
Frage, die nach einem Wort M. L. Kings immer das Problem der
Mehrheitsgesellschaft ist: „The Negro-Question is the Problem
of the Whites, of the Majority“. Niemöller nennt 1933 die
sog Judenfrage eine „Arierfrage“. Die zum Problem
definierte Minderheit ist in Wahrheit das Problem der sich oft
normativ verstehenden und machtvollen Mehrheitsgesellschaft.
Nach
seiner Rückkehr aus den USA, die ihm viele
internationale/ökumenische Kontakte einbringt, nimmt er seine
Arbeit an der Berliner Universität auf. Die in den USA und
Europa geschlossenen ökumenischen Kontakte werden für seine
spätere konspirative Arbeit wertvoll. In Cambridge wird er im
selben Jahr 1931 zum Jugendsekretär des Internationalen
Versöhnungsbundes (1914 am Tag des Kriegsanfangs gegründet!)
gewählt. Diese ökumenische Initiative christlicher
Friedensarbeit wendet sich gegen jede Theorie eines gerechten Krieges
und verlangt Kriegsdienstverweigerung. Zu ihren Vorsitzenden gehören
Albert Luthuli (ANC-Gründer) und später Martin Luther King,
aber als Mitglieder auch die als Kriegsdienstverweigerer in
Deutschland 1940 bzw 1944 hingerichteten Hermann Stöhr und Max
Joseph Metzger.
Als
Privatdozent ist er zu Vorlesungen bzw. Seminaren verpflichtet, eine Stelle ist damit nicht verbunden. Seine
Kirchenleitung ordiniert Bonhoeffer zum Pfarrer in einer
Kirchengemeinde im Wedding, er richtet eine „Jugendstube“
für arbeitslose Jugendliche ein, wird nebenamtlicher
Studentenpfarrer an der TH Berlin. Dies bleibt allerdings erfolglos;
die Studentenschaft war schon vor 1933 – wie an den meisten
Universitäten - mehrheitlich nationalsozialistisch. Er stößt auf die Abwehr einer stark rechts orientierten akademischen Jugend.
III
Ein
erster und letzter Rundfunkvortrag des jungen Pfarrers endet damit,
dass man ihm im Februar 1933 das Mikrophon ausschaltet, als er davor
warnt, dass aus dem Führer der „Verführer“
werden kann. Dann habe jede Gefolgschaft aufzuhören. Die
Abschaltung ist ein früher Beleg dafür, wie rasch die
Medien sich hatten gleichschalten lassen. Bonhoeffer bleibt bei
seiner Kritik an der Kirche, die sich zwar gern auf Luthers
unbeugsames Gewissen beruft „Hier stehe ich, ich kann nicht
anders!“ und gleichzeitig in ihrer Mehrheit opportunistisch
beweist: „Wir können auch anders!“
Die
Bewährung seines Weges kommt mit dem Jahr 1933. Das
Ermächtigungsgesetz, der staatlich angeordnete Boykott jüdischer
Geschäfte sowie das Berufsverbot für Juden im öffentlichen
Dienst verlangen eine klare Position. Er trägt sie schon im
April 1933 vor. Der Vortrag „Die Kirche vor der Judenfrage“ [ii] formuliert drei Handlungsanweisungen für eine ihrer Aufgaben
bewusste Kirche:
1.
Die Kirche hat den Staat nach der „Legitimität“
seines Handelns zu fragen. Nicht alles was er tut, ist legitim –
gemessen an den biblischen Hauptworten Recht und Gerechtigkeit.
„Legal“ ist fast alles, was der NS-Staat tut, dazu
produziert er bis 1945 ca. 2000 Gesetze und Erlasse. Eine servile Rechtswissenschaft und –praxis
steht – nach Ausschaltung der Opposition - Partei und Staat zur
Verfügung.
2.
Die Kirche hat nicht nur für die Opfer aus den eigenen Reihen
einzutreten, sondern für alle Opfer staatlicher Gewalt. Diese
Position unterscheidet ihn damals von M. Niemöller. Dieser
beschränkt seine „contra-antisemitische“ Aktion im
Wesentlichen auf die sog. „Nichtarier“ unter den
Kirchenmitgliedern. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass
jeder noch so beschränkte Widerstand ebenso politisch wie
exemplarisch wirkt und verstanden wird. Der früh total gewordene
Staat verfolgt jeden Nonkonformismus – wenn seine
zivilcouragierten VertreterInnen allein bleiben. Aber es gibt in
allen Berufsgruppen und Institutionen zu wenig Menschen, die ein
solches „exemplarisches Lernen“ im eigenen Berufsfeld
riskieren. Anpassung, damals offiziell Gleichschaltung genannt, ist
bekömmlicher.
3.
Damit nicht immer neue Opfer entstehen, ist „dem Rad in die
Speichen zu fallen“. Damit greift Bonhoeffer (übrigens
später noch häufiger) das Bild vom rasenden Fahrer auf, den
man nur mit Gewalt vom Steuer wegreißen muss, damit er die Mitreisenden nicht in die Katastrophe steuert. Es
ist ein Bild, das z.B. der Herborner Theologe und Jurist Johann Althusius (1612 natürlich
im Bild von Schiff, Kapitän und Steuerrad) benutzt, um den
Tyrannenmord christlich zu legitimieren.[iii] Die Frage wird im Kreisauer Kreis wie in anderen Widerstandsgruppen heiß und kontrovers diskutiert werden.
Das
Kriterium für ein solches christliches Eingreifen liefert das
Recht: Gibt es eine Gruppe, die durch Ordnung und Recht so
eingeschnürt ist, dass ihr die Luft zum Leben ausgeht, oder ist
sie so rechtlos, dass sie vogelfrei ist, dann ist dieses christliche
Handeln geboten. D. Bonhoeffer ist über seinen Schwager Gerhard
Leibholz mit dem Gedankengut von Gustav Radbruch vertraut, der –
als religiöser Sozialist – „ein übergesetzliches
Recht“, also Werte wie Gerechtigkeit,
Rechtssicherheit und Zweckmäßigkeit vertritt.[iv]
Damit
das nicht zu abstrakt klingt, seien die wegweisenden Werte mit Bonhoeffers eigenen Worten aus der von ihm aufmerksam und kritisch wahrgenommenen
Wirklichkeit zitiert: „Es bleibt ein Erlebnis von
unvergleichlichem Wert, dass wir die großen Ereignisse der Weltgeschichte einmal von unten, aus der Perspektive
der Ausgeschalteten, der Beargwöhnten, Schlechtbehandelten,
Machtlosen, Unterdrückten und Verhöhnten, kurz der
Leidenden sehen gelernt haben.“ So
schreibt er an seine Freunde und Familie 1943, als er zehn Jahre
NS-Regime bilanziert.[v] Diese knappen Seiten, kurz vor seiner Verhaftung geschrieben, sind
eine glänzende Analyse der Zeit durch einen Menschen, der die
Zeit nicht passiv als Schicksal, als Zu- oder Wegschauer hinnehmen
kann. Daran hindert ihn die Wirklichkeit der Leidenden wie die Wirklichkeit des Christus.
Er
fragt sich – um nur einige Gedanken aus diesem sehr dichten
Text zu nennen – warum „die Vernünftigen“
versagen. Vernunft, Pflichtbewusstsein, Prinzipienethik, Gewissen und
Freiheit, Tugenden oder Werte also, lassen sich missbrauchen. Er
fragt, was es bedeutet, dass „Dummheit“ keine
intellektuelles Defizit ist, sondern ein moralisches. So viele kluge
Leute sind Aktivisten und Mitläufer einer bösen Macht in
Deutschland. „Die Macht der einen braucht die Dummheit der
anderen!“ Warum gibt es in Deutschland so viel Tapferkeit und
so wenig Civilcourage? „Die letzte, verantwortliche Frage ist
nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie
eine kommende Generation weiterleben soll.“[vi]
IV
Die
Einsicht in die Irrwege der Kirche und seines Volkes ist bei ihm früh
da. Er formuliert sie 1941 in einem Schuldbekenntnis seiner eigenen
Kirche, in dem es heißt,
„Die Kirche war stumm, wo sie hätte schreien müssen,
weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie…Die Kirche
bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das
leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger,
Unterdrückung, Hass, Mord, gesehen zu haben, ohne ihre Stimme zu
erheben…Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi.“[vii] Ich zitiere dieses Wort, weil es den konkreten Grund für den
Widerstand nennt: Bedrohung und Vernichtung des Lebens Unschuldiger.
Es geht um die Existenz derer, die keine andere „Schuld“ haben als jüdisch geboren zu sein bzw. als jüdisch durch staatliche Gesetze definiert zu sein. Dietrich
Bonhoeffer solidarisiert sich mit allen Juden. Sie alle sind
leibliche Geschwister Jesu. Jesus selbst war Jude, seine Geschwister
zu vertreiben bedeutet die Vertreibung Christi aus Europa, schreibt
er in seiner (Fragment gebliebenen) Ethik 1941. Im Einzelnen des für
seine Kirche und in Solidarität mit ihrer Schwäche
geschriebenen Schuldbekenntnisses geht es um Willkür, um die
Verursachung von körperlichem und seelischem Leiden, um
unmenschliche Unterdrückung, um Hass und schließlich um Mord.
Im
Oktober 1941 gelingt die mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi
geplante und durchgeführte Rettung von 15 Juden über die
grüne Grenze in die Schweiz. Alle 15 waren mit falschen Pässen
ausgestattet und als Mitarbeiter des Amtes Canaris (Amt Ausland /
Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht) angeblich zur Spionageabwehr
ins neutrale Ausland gesandt. In diesem Amt arbeitet seit 1938 auch
Bonhoeffer. Er steht zu seiner Entscheidung, den Kriegsdienst zu
verweigern, eine Entscheidung, die seit seinem Studienaufenthalt in
den USA, seit seinen (brieflichen) Kontakten mit Mahatma Gandhi und
seit seiner Auslegung der Bergpredigt vor seinen Studenten und
Vikaren (1937 noch unter dem Titel „Nachfolge“
erschienen) feststeht. Diese Entscheidung wird in ständiger
Prüfung der politischen Konzepte und Praxis eines
verbrecherischen Regimes bekräftigt.
In
der schon genannten „Ethik“ findet auch eine
Auseinandersetzung mit Immanuel Kants Pflichtenethik statt. Dessen
Regel, dass jeder so handeln soll, dass „die Maxime seines
Handelns zum Prinzip einer allgemeingültigen Gesetzgebung“
werden könnte (I. Kant) wird von Bonhoeffer in Frage gestellt,
dass gerade das biblische Gebot um des Menschen und der
Menschlichkeit Jesu Christi willen nicht „Prinzip“, nicht
„Allgemeingültigkeit“ sei. Es müsste im
konkreten Fall, dass z.B. im Hause I. Kants ein Jude verborgen sei, von Kant gelogen werden, um
den dort versteckten Freund zu retten. Dieselbe Frage handelt er in
dem Aufsatz ab „Was heißt die Wahrheit sagen?“. In
seinem Beispiel lügt der Lehrer, der den Schüler fragt, ob
sein Vater gestern wieder betrunken gewesen sei, obwohl der Vater
tatsächlich betrunken war. Das Kind verneint, ethisch legitim in
diesem Fall, weil seine Intimsphäre und die der Familie nicht so
verletzt werden dürfe. Die Lüge liegt in der Frage, nicht
in der Antwort. Die Beispiele Bonhoeffers machen klar, dass es
„Regelverstöße“
geben darf, die die Gebote zur Wahrheit oder das Verbot des Tötens
nicht außer Kraft setzen, aber unter Schuldübernahme Menschenleben und
Menschenwürde retten müssen.
V
Sein
Freund und Vorgesetzter ist der Potsdamer Pastorensohn General Hans
Oster, ein Konfirmand Martin Niemöllers. Dieser weiht ihn 1938
in die ersten Umsturzpläne ein. Er wird UK (unabkömmlich)
gestellt. Er arbeitet als V-Mann der Abwehr und zugleich als
illegaler Mitarbeiter in der Ausbildung der Bekennenden Kirche.[viii]
Er
bekommt Aufenthaltsverbot für Berlin. Sein illegales
Predigerseminar, seit dem ersten Verbot 1937, konnte er bis 1940
getarnt in Pfarr- und Gutshäusern Pommerns fortführen. In
der Abwehr ist er ein Fachmann für breite internationale
Kontakte, die er nutzt, um über die Vorgänge in
Deutschland, konkret über Judenverfolgung und Widerstandsbewegung, zu informieren. So reist er im März 1939 nach England. Im Juni
versuchen us-amerikanische Freunde ihn in die Emigration zu retten.
Er fährt tatsächlich nach New York, enttäuscht seine
Freunde, die einen Lehrstuhl für ihn vorgesehen hatten. Kurz vor
Kriegsausbruch kehrt er zurück. An Reinhold Niebuhr schreibt er:
„Es war ein Fehler von mir, nach Amerika zu kommen. Ich muss
diese schwierige Periode unserer nationalen Geschichte mit den
Christen in Deutschland durchleben!“ Das Mitleiden mit den
Leidenden ist für ihn zugleich ein Mitleiden mit dem in seinen
Ebenbildern leidenden Gott oder Christus. Es ist alles andere als
passiv. Immer ist „die verantwortliche Tat“ die allein
glaubwürdige Sprache des Glaubens.
Mit
dem Justitiar der Bekennenden Kirche, Friedrich Justus Perels,
gemeinsam stellt Bonhoeffer im Oktober 1941 zwei große Berichte über die in Berlin begonnenen Massendeportationen
zusammen. Einmal waren sie für jenen Teil des Militärs
bestimmt, das – immer wieder zögerlich und in gespaltenen
Loyalitäten – zum Attentat gedrängt werden sollte.
Zum anderen macht er die Informationen auf seinen Reisen 1941 und
1942 den Schweizer Freunden im Ökumenischen Rat der Kirchen
bekannt. Bei einer Reise im April 1942 mit Helmuth James Graf von
Moltke nach Norwegen, wo er mit seinem Freund Bischof Bell von
Chichester zusammentrifft, informiert er über die Genfer Freunde
die Londoner und Washingtoner Regierung. Ähnliche Informationen,
auch über den deutschen Widerstand, transportiert er im Juli
1942 mit seinem Schwager Hans von Dohnanyi in den Vatikan. Die
Alliierten haben sich aber auf eine bedingungslose Kapitulation
Deutschlands festgelegt. Sie misstrauen der Stärke und dem
Personal des Widerstands.
Bonhoeffer
geht seinen Weg vom Pazifisten zum Verschwörer in
intellektueller Auseinandersetzung mit den weit verbreiteten Theorien vom „gerechten Krieg“
gegen den mainstream in Gesellschaft und Kirche. Und er geht ihn
zunehmend in der Praxis. Schon 1931 spricht er als Jugendsekretär
des Internationalen Versöhnungsbundes in Cernohorske Kupele
(CSR) auf einer internationalen Jugendfriedenskonferenz. „Es
ist nun aber ein heute sehr verbreiteter Irrtum, zu meinen, die
Rechtfertigung des Kampfes sei bereits die Rechtfertigung des
Krieges.“ Ein heutiger Krieg bedeutet die „sichere
Selbstvernichtung beider Kämpfender“…darum muss der
heutige Krieg, also der nächste Krieg der Ächtung durch die
Kirche verfallen….Wir sollten uns nicht vor dem Wort
Pazifismus scheuen.“[ix] Kampf ist etwas anderes: Es bedeutet für ihn ab 1938 die
Teilnahme an Versuchen, Hitler und damit ein Unrechtsregime zu
beseitigen – auch mit Gewalt.
VI
1934
auf einer ähnlichen Tagung in Dänemark (Fanö) verlangt
er von den Christen, sie sollten die Teilnahme am Krieg verweigern.
Der deutschen Regierung mache ein Boykott des Kriegsdienstes durch
Millionen Christen ihre Aggressionspläne zunichte. Ein Konzil
aller christlichen Kirchen solle dazu aufrufen. Bei seiner Reise nach
Norwegen 1942 trifft er sich mit Repräsentanten der Evangelischen Kirche, die die deutschen Besatzer mit passivem Widerstand massiv
behindern.
1934
fragt er in Fanö auf einer Jugendtagung: „Wie wird Friede?
Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung
internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? D.h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine
allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung
des Friedens? Die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden –
worauf warten wir noch? Wollen wir selbst mitschuldig werden wie nie
zuvor?“[x] Bonhoeffer plädiert in der Zeit deutscher Hochrüstung
(1934!) und Arbeitsplatzbeschaffung für eine eindeutige Haltung
der Christen und Kirche: Nein! Nicht mitmachen sollen Christen bei
Rüstung und Kriegsvorbereitung. Gehör findet er kaum.
Gandhi, zu dem er bereits Kontakt geknüpft hat, lädt ihn
ein, aber seine Arbeit in der illegalen Theologenausbildung lässt
ihm keine Zeit mehr für ein Treffen mit ihm.
Seine
Absage an Soldatenausbildung und Kriegsdienst bedeutet nicht, auf den
Kampf gegen das NS-Regime zu verzichten. Die alte christliche
Tradition des Tyrannenmordes wird heftig diskutiert. Den Kreisauer
Kreis zerreißt diese Frage fast. Bonhoeffers
Gewissensentscheidung ist bereit, schuldig zu werden, um durch die
Ermordung eines Mörders nicht größere Schuld sich aufzuladen. Bei einem der misslungenen Attentatsversuche
wird seine Haltung praktisch. Im Januar 1943 wird eine Bombe in
Hitlers Flugzeug nach Smolensk geschmuggelt (Henning von Treskow):
Sie wird von Bonhoeffer im Auto seines Vaters zum Flughafen gefahren,
aber sie explodiert nicht.
Im
April 1943 wird er verhaftet, zunächst wegen
Kriegsdienstverweigerung (Zersetzung der Wehrkraft). Nach dem
Zossener Aktenfund (der vom Amt Canaris versteckten
Widerstandsunterlagen) kommt seine Beteiligung am Widerstand in der
Bekennenden Kirche und im Umfeld des 20. Juli heraus. Über
Buchenwald wird er im Frühjahr 1945 ins KZ Flossenbürg
gebracht und dort mit Canaris und Hans Oster gehängt. Sein
Bruder Klaus, Chefsyndikus der Lufthansa, darum bemüht, Kontakt
zu den Widerstandsgruppen der Arbeiterschaft, des Militärs und
der Wirtschaft zu halten, wird - wie seine Schwäger Hans von
Dohnanyi, Rüdiger Schleicher und der Justitiar der Bekennenden
Kirche Perels - mit anderen zur gleichen Zeit in einem Berliner
Bombenkrater erschossen. Zum Bonhoeffer – Dohnanyi –
Kreis gehörten auch Ernst von Harnack, Sohn des berühmten
Kirchenhistorikers und Gründers der
„Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft“, später
„Max-Planck-Gesellschaft“, und SPD-Mitglied, ein
Verbindungsmann zu Wilhelm Leuschner, die alle im Frühjahr 1945
ermordet wurden.
VII
Thesen
für eine Diskussion
1.Das
Gewissen Martin Niemöllers ist geprägt durch einen in der
NS-Diktatur von Militärcourage (als U-Bootkapitän) auf
Zivilcourage transformierten Mut, gegenüber jedem staatlichen
oder ideologischen Anspruch frei zu sein, verantwortlich für die
unverletzliche und gleiche Würde bedrohter Menschen sowie
nonkonformistisch für die Freiheit der christlichen Verkündigung
(er bezeichnet dies später als schuldhafte Einschränkung)
einzutreten.
2.
Er wird seine Konsequenz aus dem sog „Kirchenkampf“
derart ziehen, dass Recht und Freiheit der Einzelnen keiner Macht der
Welt geopfert werden dürfen. „Man muss Gott mehr gehorchen
als den Menschen“ (Ap.Gesch. 5,29). Dazu kommt, dass nach einem
Vernichtungskrieg (1939 – 45) und angesichts von Massenvernichtungsmitteln Gewalt und Krieg für ihn nach 1945 keine Mittel der Politik mehr
sein können. „Eine Welt oder keine“ – markiert
sein „globales“ Gewissen, das an den Aufgaben des
Friedens und der internationalen Gerechtigkeit arbeitet.
3.
Das Gewissen Dietrich Bonhoeffers ist durch eine Parteinahme geprägt,
für Recht und Wahrheit gegen Gewalt und Lüge, besonders in
der Gestalt von Krieg und Propaganda einzutreten - zugunsten der
Menschen „unten“, der „Leidenden“, der
„Unterdrückten“. Sein verantwortliches Handeln
schließt seine Bereitschaft zur Schuldübernahme, z.B. zum Lügen oder zum Tyrannenmord, ein.
Das bearbeitet er in kritischer Auseinandersetzung mit der Kant’schen Ethik. Die biblische Wahrheit verlangt aber
auch, die Schuld klar zu benennen und zu bekennen.
4.
Niemöller wie Bonhoeffer gewinnen ihre Freiheit zum
widerständigen Denken und Handeln in der Rückbeziehung auf
eine einzige Instanz, die als der biblische Gott oder Christus alle
anderen Autoritäten mitsamt ihren totalen Ansprüchen
relativiert. Thomas Mann veröffentlicht in den USA Niemöllers
Predigten (vor der Verhaftung) und sieht seinen Freimut in der
Haltung begründet „God is my Fuehrer“.
5.
Beide lehnen Gleichgültigkeit oder Neutralität gegenüber
staatlichen Maßnahmen ab.
6.
Beide beginnen ihre Verantwortung öffentlich wahrzunehmen im
direkten beruflichen Umfeld der christlichen Gemeinde, der
Universität sowie des Freundes- und Familienkreises. Beide bauen
mit Gleichgesinnten eigene Widerstandsstrukturen auf (Bekennende
Kirche, Spionageabwehr), um ihre Institutionen auch strukturell zum
Widerstand herauszufordern.
7.
Was sie zunächst innerkirchlich tun, wird von der gegnerischen
Seite zu Recht als politischer Widerstand empfunden und als solcher
auch bestraft (Niemöller hat bei seiner Verhaftung 1937 schon 40
Strafverfahren am Hals), weil Staat und Parteien keine Sektoren
außerhalb ihrer totalen Kontrolle dulden - vor allem nicht,
wenn die völkische und rassistische Grundlage der deutschen
Staatsdoktrin in Frage gestellt wurde.
i An Biographien sind zu nennen: Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer.
Theologe-Christ-Zeitgenosse. Güterssloh 2004, 8.Aufl.; Ders.,
Dietrich Bonhoeffer. rororo Bildmonogrphieen.50684, Reinbek bei
Hamburg 2006; Renate Wind, Dem Rad in die Speichen fallen. Die
Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer. Gütersloh 2006. 3.
Aufl.
ii D. Bonhoeffer, Ges. Schriften, (Hg E. Bethge),Bd II. München
1959, S. 44ff.
iii Vgl Fritz Bauer, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Dokumente der
Jahrtausende. Frankfurt am Main 1965, hier S. 108ff.
iv Christoph Strohm, Theologische Ethik im Kampf gegen den
Nationalsozialismus. Der Weg Dietrich Bonhoeffers mit dem Juristen
Hans von Dohnanyi und Gerhard Leibholz in den Widerstand. München
1989.
v Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und
Aufzeichnungen aus der Haft. DBW Bd. 8. München 1998, S. 19 bis
39.
vii D. Bonhoeffer, Ethik, DBW Bd 6, S. 130.
viii Chr. Gremmels/H. W. Grosse, Dietrich Bonhoeffers Weg in den
Widerstand. Gütersloh 1996: S. Dramm, V-Mann Gottes und der
Abwehr? Dietrich Bonhoeffer und der Widerstand. Gütersloh 2005.
ix D. Bonhoeffer, GS Bd 1, S.154f = DBW Bd 11, S. 340.
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