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Der Yoga kommt bekanntlich aus Indien.
Vermutlich hat er schon mindestens 1000
Jahre vor Christus existiert. Genaue Angaben
gibt es nicht. Yoga ist im hektischen
Deutschland überaus populär. Er hilft den
Menschen, die sich dafür öffnen, den
unaufhörlich herumschweifenden Geist zu
zähmen. Das geschieht im Wesentlichen über
Asanas (Körperhaltungen) verbunden mit
Atemübungen (Pranayama). Doch Yoga ist mehr.
Er ist vor allem ein geistiger Weg. Die
Schöpfung in ihrer Gesamtheit zu achten und
zu erhalten, das ist die Philosophie des
Yoga. Sie ist anwendbar für alle Menschen,
unabhängig ihrer Herkunft und Religion.
Nicht selten geschieht es, dass Menschen,
die den Weg des Yoga gehen, zu ihren
religiösen Wurzeln zurückfinden.
Ein geistiger Führer im Yoga war der
Gelehrte Pantanjali (zwischen 200 v. Ch. und
200 n.Ch.) In seinen Yogasutras (Leitfäden
des Yoga) fasst er yogisches Wissen
methodisch zusammen, das heute noch
uneingeschränkt gültig ist. Diese Yogasutras
sind nicht von Pantanjali allein
aufgestellt, sondern in seinem Sinne
weiterentwickelt worden. Aus Respekt vor
Pantanjali, sind sie aber nach ihm benannt,
eine in Indien übliche Vorgehensweise. Er
entwickelte einen acht-stufigen Pfad
(ashtanga-marga) als Leitfaden für ethisches
Handeln:

1. Stufe:
Yamas = Zucht
= sittliches Verhalten, Achtsamkeit
gegenüber unseren Mitmenschen /Umwelt
5 Grundsätze bestimmen Yama:
·
Ahimsa =
Gewaltlosigkeit, Gefühle anderer nicht
verletzen, Verzeihen
·
Satya =
Wahrhaftigkeit, keine Lüge, keine üble
Nachrede, keine Obszönität
·
Asteya = Ehrlichkeit,
Nicht-Stehlen geistiger und materieller
Werte, kein Neid
·
Brahmacarya =
Mäßigkeit im Umgang mit Menschen - auch mit
Sexualität - im Denken, in Worten;
Bescheidenheit
·
Aparigraha =
Freigebigkeit, Verzicht auf Überflüssiges,
keine Habsucht
2. Stufe:
Niyamas = Achtsamkeit gegenüber sich selbst
5 Grundsätze bestimmen Niyama:
·
Sauca = Reinlichkeit
im Äußeren ► d.h. Körperhygiene und im
Inneren ► d.h. kein Hass, keine Missgunst,
Schadenfreude, Sorgen, Ängste, besonders was
die Vergänglichkeit unseres Körpers angeht.
·
Samtosha =
Zufriedenheit, Dankbarkeit, Annehmen der
eigenen Lebenssituation, Wertschätzung
unseres Lebens in allen seinen Aspekten.
·
Tapas = Eifer,
Bemühen, Disziplinierung wegen eines Ziels,
Prozesse der Selbstfindung und
Selbstentfaltung zulassen, auch wenn sie
anstrengend und unangenehm sind.
·
Svadhyaya =
Selbststudium, Selbstreflexion darüber,
inwieweit unser Verhalten in Einklang mit
den heiligen Schriften steht, achtsam
unseren inneren Prozess begleiten, geeignete
Literatur lesen.
·
Isvara Pranidhana =
Hingabe an Gott, an den Übungsweg des Yoga -
Vertrauen haben, ohne immer alles
intellektuell zu hinterfragen - ohne Stolz
bescheiden handeln - zufrieden mit dem sein,
was man gerade bekommen kann - frei von
Eifersucht - gelassen gegenüber Erfolg und
Misserfolg - so bleibt man innerlich
ungebunden, unempfindlich gegen
Frustrationen, auch wenn man handelt und
eine entsprechende Reaktion erwartet, die
dann nicht eintritt.
3. Stufe: Asanas
Körperhaltungen
4. Stufe:
Pranayama Atemachtsamkeit
/Atemregulierung
5.Stufe:
Pratyahara Zurücknahme der
Sinne, in die Stille gehen, nicht mehr jedem
äußeren Reiz folgen,

6. Stufe:
Dharana Konzentration
7. Stufe:
Dhyana Meditation
8. Stufe:
Samadhi Kontemplation -
völlige Verschmelzung – Erleuchtung
Yoga und Christentum – wie passt das
zusammen? Mit dieser am Anfang gestellten
Frage beschäftige ich mich nun näher vor dem
Hintergrund von Pantanjalis Ethik der Yamas
und Niyamas:
Die christliche Ethik wird bestimmt
durch
-
die 10 Gebote als Basis
-
die Bergpredigt (BP) als
Radikalisierung der ethischen Prinzipien
durch Jesus im Sinne des Doppelgebots der
Liebe: „Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst.“ Es geht hier nicht
um einen makellosen christlichen Lebensstil,
dem kaum jemand entsprechen kann, sondern
darum, sich an diesem Ideal zu
orientieren. Das Bemühen darum
zählt als die einzige sinnvolle
Lebensgestaltung.
Yamas/Niyamas (Y/N) vermitteln im
Wesentlichen dieselben Werte, wie die BP.
Ich wähle mir deshalb einen Aspekt der BP
aus und stelle ihm einen vergleichbaren
Aspekt aus Y/N gegenüber. Dabei gehe ich
bewusst persönlich vor. Ich suche mir
Aspekte heraus, mit denen ich
Schwierigkeiten habe, an denen ich wachsen
kann: nämlich ständig zu verzeihen und
allzeit gelassen zu reagieren. In den
Aussagen zur Gewaltlosigkeit und
Zufriedenheit kann ich Antworten auf
meine Fragen finden.
Bergpredigt
Da heißt es in der BP: „Selig sind die
Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes
heißen.“ Jesus wird diesbezüglich
konkreter: „Ihr habt gehört, dass zu den
Alten gesagt ist, Du sollst nicht töten; wer
aber tötet der soll des Gerichtes schuldig
sein.“ Ich aber sage euch: Wer (nur) sagt
du Narr, der ist des höllischen Feuers
schuldig.“
Jesus lässt demnach nicht die kleinste
negative Regung gegen einen Widersacher zu.
Wie kompromisslos er ist, beweisen
folgende Stellen: „Ihr habt gehört, dass da
gesagt ist:
- „Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber
sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt
dem Übel, sondern so dir jemand einen
Streich gibt auf deinen rechten Backen , dem
biete den anderen auch dar. Und so jemand
mit dir rechten will und deinen Rock nehmen,
dem lass‘ auch deinen Mantel. Und so dich
jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm
zwei.“
- „Du sollst deinen Nächsten lieben und
deinen Feind hassen. Ich aber sage
euch: Liebet eure Feinde; segnet die euch
verfluchen; tut wohl denen, die euch hassen;
bittet für die, die euch beleidigen und
verfolgen...“
Der zitierte Satz geht weiter und erklärt,
warum wir so überaus selbstlos handeln
sollen: „Auf dass ihr Kinder seid eures
Vaters im Himmel; denn er lässt seine Sonne
aufgehen über die Bösen und über die Guten
und lässt regnen über Gerechte und
Ungerechte.“
Gott sagt hiermit allen eine gleiche
Behandlung zu, den Bösen wie den Guten, den
Gerechten wie den Ungerechten. Will er damit
sagen, im Grunde sei jeder sowohl gut als
auch böse, gerecht wie ungerecht?
Damit ist die kompromisslose Aussage, wir
müssen auf jeden Fall unsere Feinde
lieben, anderenfalls wartet die Hölle auf
uns, relativiert. Denn alle sind wir
Menschen, also fehlbar! Wir brauchen an
unseren Fehlern aber nicht zu verzweifeln,
wir können an ihnen wachsen, wenn wir
-
uns selbst nicht dafür verurteilen,
-
andere darum bitten, uns zu
verzeihen,
-
im Gegenzug selbstverständlich auch
anderen immer wieder verzeihen.
In der BP steht dazu: „Denn so ihr den
Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch
euer himmlischer Vater auch vergeben. Wo ihr
aber den Menschen ihre Fehler nicht
vergebet, so wird euch euer Vater eure
Fehler nicht vergeben.“
Yama: Ahimsa
Yama
heißt die Regel für Achtsamkeit gegenüber
den Mitmenschen im Yoga.
In Ahimsa, ihrem ersten Abschnitt,
ist das Thema Gewaltlosigkeit
näher spezifiziert. Der Kerngedanke ist:
Steht einer in Ahimsa gegründet, so hört in
seiner Gegenwart alle Feindschaft auf.
Das heißt: Niemand darf in Gedanken, Worten
und Taten verletzt oder geschädigt werden,
Leben ist in aller Vielzahl zu achten,
physisch und psychisch. – Soweit dieselben
kompromisslosen Aussagen wie in der
BP. – Neben den Gefühlen anderer müssen auch
die eigenen achtsam behandelt
werden. So sollen wir uns vor Gewohnheiten
hüten, z. B. Alkoholtrinken. Wir leiden,
wenn wir darauf verzichten müssen. Und Leid
dürfen wir weder anderen noch uns zufügen.
Niyama: Samtosa
Niyama
heißt die Regel für Achtsamkeit gegenüber
sich selbst im Yoga.
Um Samtosa, die Zufriedenheit
geht es in ihrem zweiten Abschnitt. Hier
gehören Ahimsa und Samtosa unbedingt
zusammen. Bin ich nämlich zufrieden mit dem
was ich habe und wie es ist, leide ich nicht
und füge auch anderen kein Leid zu.
Gelassen kann ich
-
die Lebensumstände annehmen wie sie
sind,
-
mir meine eigenen Unzulänglichkeiten
verzeihen und an meinen Aufgaben wachsen,
anstatt zu verzweifeln.
Vergleich BP zu Y/N
Die Kernaussagen sind gleich:
a)
Absolute Gewaltlosigkeit gegenüber
sich und anderen Mitmenschen.
b)
Kompromisslos sich selbst und anderen
immer wieder verzeihen.
c)
Lebensumständen auf jeden Fall
gelassen begegnen.
Dazu steht in der BP: „Sorget euch
nicht für euer Leben... Darum sorget
nicht für den anderen Morgen; denn der
morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es
ist genug, dass ein jeglicher Tag seine
eigene Plage habe.“

Nach Samtosa hat alles in unserem
Leben seinen Sinn, auch wenn wir ihn noch
nicht erkennen können. Es muss nicht immer
nach unseren Wünschen gehen.
IV. Fazit
Es ist notwendig nach folgenden Idealen zu
streben, sich ihnen so gut es geht
wenigstens anzunähern:
1.
Dem Verzeihen,
–
BP:
Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet
werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr
richtet, werdet ihr gerichtet werden, und
mit welcherlei Maß ihr messt, wird euch
gemessen werden.
–
Samtosa:
Wir sind darauf angewiesen, dass auch andere
uns verzeihen. Deshalb müssen auch wir
ständig bereit sein zu verzeihen
a) unseren Mitmenschen
b) uns selbst; „denn welches Recht haben wir
uns abzulehnen, wenn Gott uns annimmt?“
2.
Dem ständigen Üben in
Gelassenheit.
Das heißt natürlich nicht, dass das Leben
passiv an sich vorbeiziehen zu lassen,
sondern mit Liebe zu sich selbst zu
entscheiden: Ist es sinnvoll, die Dinge so
hinzunehmen wie sie sind, oder sollten sie
besser geändert werden? Natürlich immer
unter der Voraussetzung, sich selbst und
auch sonst niemandem zu schaden.
Yoga und Christentum - das passt
ausgezeichnet zusammen!
Quelle: Walter Meyer, Yoga und die
Religionen, Der feinstoffliche Mensch – Die
Welt zwischen Geist und Materie, Ottweiler
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