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Hausbesetzungen durch Tschechen
Die
Freude, wieder ruhig auf den eigenen Feldern
zu arbeiten, währte nicht lange. Tschechen
kamen und besetzten zuerst deutsche
Geschäfte. Bald besetzten sie auch die
ersten Bauernhöfe. Noch hoffte ich, Anton
würde unseren übernehmen. So sehr ich dies
auch erwartete, er kam nicht.
Es war
an einem warmen, regnerischen Tag. Ich kam
mittags mit meinem Pferd vom Feld heim.
Munter sprang ich vom Wagen. Da kam Mutti
auf mich zu und sagte:"Unser neuer Verwalter
ist schon da!" Eine Welt stürzte für mich
zusammen. Ich glaubte zu träumen, doch es
war bittere Wirklichkeit. "Nimm's leicht!"
sagte Mutti und ich gab den beiden die Hand.
Kaum wußte ich noch was ich tat. Kaum hielt
ich mich auf den Beinen. Das Schicksal hatte
mir nichts erspart, doch niemand sollte
merken, wie weh mir das tat. Ich lachte mit
meiner letzten Kraft, arbeitete und lachte!
Nur, wenn ich ein Weilchen allein war,
weinte ich bitterlich. Sorgfältig verwischte
ich jede Tränenspur. In Vaters Zimmer
sollten wir wohnen. Um jedes einzelne
Möbelstück mußten wir kämpfen, das heißt:
bitten! Oh, wie war das schwer. Wir beide
bekamen ein einziges Bett. Trostlos war das
Leben. In mir klang es "Es ist alles zu
Ende". Noch nie war ich abends so müde, so
trostlos, so verzweifelt wie an diesem Tag.
Ich ging, wie üblich, zu Rosina schlafen. Ja
schlafen, daran war nicht zu denken. Ich
weinte so schmerzlich, wie noch nie in
meinem Leben, wälzte meine müden Glieder von
einer Seite zur anderen. Es wurde Morgen,
ich war noch genauso müde und verzweifelt
wir abends, mußte heim, mußte arbeiten und
lachen. Niemand ahnt, wie schwer das ist!
Nun mußte ich mit dem Tschechen auf die
Felder, mußte ihm meine Felder zeigen, die
nun ihm gehören sollten. Ich tat auch dies,
auch dabei lächelte ich. Ob das wohl echt
aussah? Ich gab mir die größte Mühe. Wir
fuhren von Feld zu Feld. Ich wandte ein
letztes Mittel an und sagte, Anton wolle
kommen. In meinem Innersten hoffte ich es ja
noch immer. Der Tscheche stutzte, er hatte
die Freude verloren. Schon am Abend sagte
mir sein Schwager, er würde nicht bleiben.
Herr M.
kam
Der
erste Tscheche war wieder weg. Wie froh war
ich. Endlich wieder frei, doch nicht lange.
Noch am selben Tag kam Herr M. Er besah sich
alles nur flüchtig, doch von der ersten
Minute an, ahnten wir: der würde kommen! Wir
hatten uns nicht getäuscht. Etwa eine Woche
später kam er wieder, übernachtete am Boden
- kam immer öfter. Dazwischen kam auch noch
ein Dritter zur Hausbesichtigung. Doch der
stürzte sich auf mich wie ein Russe. Da ich
gerade am Nähen war, hatte ich eine Nadel
bei mir und zerkratzte ihm das Gesicht. Da
ließ er von mir ab und verschwand.
Wieder
kam Herr M. und kündete seinen Einzug an. Er
kam zuerst allein und war höflich und
bescheiden. Er brachte einige Möbel und ein
junges Pferd mir. Vorübergehend kam auch
seine Braut. Nun wiederholte sich alles, wir
zogen in Vaters Zimmer. Noch einmal mußte
ich einem Fremden meine Äcker übergeben. Ich
arbeitete bei ihm, war willig und folgsam;
auch vor ihm versteckte ich mein Inneres. Er
benahm sich gut und wollte mich gerne
heiraten, dann würde er auf seine Braut
verzichten. Niemals hätte ich das getan. Und
wieder kam etwas Schweres auf mich zu. Er
behielt die Kellerschlüssel. Das tat bitter
weh, barg doch gerade der Keller so viele
schöne Erinnerungen. War mir doch jedes
Plätzchen vertraut. Wie war ich dort einst
glücklich gewesen, wurde vergöttert, habe
gelacht und gescherzt. Dieser Keller gehörte
mir nicht mehr. Auch er gehörte dem Fremden!
und dann heiratete er; ich wollte es ja so.
Doch seine Frau war viel weniger
rücksichtsvoll; sie war viel falscher und
schlechter als er. Jetzt mußte ich wie ein
Pferdarbeiten, doch auch sie war sehr sehr
fleißig. Ich machte alles, holte unser Obst
für sie heim, fuhr mit dem Pferd, fuhr Mist
auf's Feld. Ich machte die schwerste und
schmutzigste Arbeit ohne zu murren. Nur
alleine weinte ich. Oft mußte ich mittags
das Essen auf die Wiese in Auschau bringen.
Dazu borgte mir ein junger Tscheche, der
beim Sengenschmied wohnte, sein Fahrrad. Als
dies aber Frau M. merkte, verbot sie mir das
und ich mußte den weiten Weg zu Fuß gehen.
Einmal war ich mit Herrn M. auf der Wiese,
da die Thajabrücke gesprengt war, mußte ich
mit ihm auf dem Geländer den Fluß
überqueren. Ich hatte Angst, wollte nicht,
aber mir blieb keine Wahl. Deutsche durften
nicht mehr alleine auf der Straße
angetroffen werden und er ging über den
Fluß. Also zog ich die Schuhe aus, Herr M.
nahm sie in die eine Hand, mit der anderen
führte er mich. Als wir die Mitte des
Flusses erreicht hatten, verließ mich der
Mut. Ich setzte mich auf einen Pfeiler, der
stehen geblieben war und wollte nicht mehr
weitergehen. Aber, was blieb mir übrig, ich
mußte aufstehen und weiter ging es. Mit
Gottes Hilfe haben wir das Ufer erreicht.
Und
wieder kam Schweres auf mich zu. Herr M.
vermisste die Seitenbretter eines Wagens. Er
erfuhr, dass diese noch als Deckbretter auf
unserem Bunker waren. Jetzt wollte er auch
noch den zerstören. Alles Bitten half
nichts; ich wollte wenigstens dieses
Andenken an die letzten schönen Stunden in
Freiheit behalten. Jetzt konnte ich mich
nicht mehr beherrschen und weinte. Doch ihn,
der mir alles genommen hatte, interessierte
nicht, was mir der Bunker bedeutete. Er
hatte ein Herz aus Stein. Ich zeigte ihm den
Sonnenberg und er zerstörte den Bunker.
Da wir
die Hälfte unserer Äcker verpachtet hatten,
kannte ich ihre Lage selbst nicht. Nach
unseren Aufzeichnungen mußte ich nun abends
die einzelnen Pächter zusammentrommeln. Dazu
borgte mir der junge Tscheche wieder sein
Fahrrad. Überall, wo ich nun ankam,
erschraken die Leute und dachten, es sei ein
Hausbesetzer, da Deutsche kein Fahrrad haben
durften. Am nächsten Tag fuhren wir dann mit
all diesen Leuten auf dem Wagen, auch diese
Äcker besichtigen. Auf der Straße mußten
wir jetzt Armbinden tragen, die uns als
Deutsche auswiesen. Das war allerdings den
jungen Tschechen meistens gar nicht recht,
denn sie unterhielten sich gerne mit uns und
das sollten sie nicht. Als wir uns wieder
mal mit jungen Tschechen unterhielten,
gingen tschechische Frauen vorbei und
schimpften: "Pfui, ihr steht hier mit
Deutschen und unsere Töchter haben keine
Tänzer!"
So
gingen die Tage dahin. Am Tage arbeitete ich
für M's und nachts nähte ich für mich. Ich
mußte mir ja wieder etwas zusammenstückeln,
denn die Russen hatten ja alles, was sie
erwischen konnten, mitgenommen.
Und
wieder kam eine Begegnung mit Russen. Ich
mußte die Straße kehren. Plötzlich standen
zwei betrunkene russische Offiziere vor mir.
Sie wollten mich mitlocken - zuerst
freundlich, es ging nicht, dann böse, doch
das ging natürlich auch nicht. Da vertrieb
der eine alle Kinder, die in der Nähe waren
und bedrohte mich mit dem Revolver. Ich
hatte keine Angst. Ein Leben ohne meine
Unschuld, hätte ich nicht ertragen. Ich
wurde immer trotziger, der zweite Russe
hatte Vernunft. Er versuchte es im Guten.
Gottlob verstand ich ein paar Worte, die ja
dem Tschechischen gleichen. Ich versprach
abends ein Treffen; natürlich dachte ich gar
nicht daran und schlief mal wieder bei
Rosina. Dies war mein letztes gefährliches
Erlebnis mit Russen. Mit Gottes Hilfe! Ich
blieb verschont!
Wieder
neue Schreckensnachrichten: Alle Deutschen
sollten in ein Lager kommen. Eines Morgens
schallte es durch den Lautsprecher: "Alle
Mädchen sollen sich mit dem nötigsten Gepäck
in der Turnhalle zum Abtransport
versammeln!" Tränenlos, schweigend zog ich
mich an, gab Herrn M. noch die nötigsten
Anweisungen, sagte ihm, wo dies und jenes
sei. Er versprach um mich einzureichen.
Mutti wollte ihn darum bitten, doch das ließ
ich auf keinen Fall zu; er tat es aber von
sich aus. Ein Freund Antons kam und wollte
mir helfen. Herr M. sprach mit ihm und ich
hörte ihn sagen: "Sie war immer brav und
folgsam, war freundlich und lachte. Nie war
sie mürrisch, mir tut es leid um sie und ich
mache alles, um sie zu behalten!" Und er tat
es.
Mutti
war natürlich furchtbar aufgeregt; wir
Mädchen waren gefaßter. War es doch
gemeinsames Schicksal, das uns verband.
Einige weinten leise, ich tat es nicht.
Vielleicht weil ich auf eine Befreiung
hoffte.
Nun
waren wir im Turnsaal versammelt. Anfangs
sah es trostlos aus. Mehr als eine Stunde
sprach Herr M. auf den Gendarm ein. Dabei
verstand ich zufällig wie der Gendarm sagte:
"Aber nur für 14 Tage." Endlich durfte ich
gehen. Auch Trude und Rosina waren befreit.
Herr M. bat mich, seiner Frau nichts zu
sagen, da diese schon auf meine Kleider
wartet.
Nun
beschlossen wir aber, nicht daheim zu
bleiben, da der Abtransport ja
wahrscheinlich nur aufgeschoben, nicht
aufgehoben war.
Wir
berieten hin und her, wie wir nach Wien
kommen könnten. Kaum 8 Tage waren wir noch
daheim. Zuerst marschierten wir nach
Nikolsburg, um einen Grenzübertritt zu
ermöglichen. Nach endlosem Warten, bekamen
wir diesen.
Fortsetzung folgt
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