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I. Der ideale Kranke
Der Kranke wartete nur noch auf seinen Tod. Aber nicht nur
er, sondern auch seine Frau, seine Kinder,
die Angehörigen - alle die ihn in dem
Zustand erlebten; denn er hatte Krebs im
fortgeschrittenen Stadium. Die Schmerzen
quälten ihn ununterbrochen. Was könnte man
ihm da Besseres wünschen? Als ich die
Krankenschwester fragte, in welchem Zimmer
er sei, gab sie zur Antwort: „Da vorne“ – wo
an der Tür steht: „Besuch streng verboten“.
Doch ich trete trotzdem ein. Gott sei Dank!
Der Patient war nicht allein, seine Frau und
eine gute Bekannte der Familie auf der einen
Seite, seine Tochter auf der anderen. Beide
Hände des Patienten waren in den Händen
dieser Menschen, als ob er sie oder sie ihn
nicht loslassen wollten. Ab und zu war er
sehr unruhig und doch versuchte er, seine
quälenden Schmerzen auszuhalten.
Gleichzeitig sprach er: „Herr, ich bin nicht
würdig ... ... ... dass du eingehst ... ...
unter mein Dach ... ... Aber sprich nur ein
Wort .... ... so wird meine Seele gesund ...
... ... .“
In der einen Stunde, die ich dort war, hörte ich diese
Worte mehrmals; und seine Frau versuchte ihn
immer wieder zu trösten: „Doch, du bist
würdig. Du hast alles lange und gut
vorbereitet.“ Nach einer Weile, als er
wieder von Schmerzen gequält wurde, gab er
seiner Frau ein Zeichen, ihn zu umarmen:
„Lass mich nie allein ...!“ ... „Verlass
mich bitte nicht!“ Und sie versprach ihm:
„F., wir haben im Leben vieles
durchgestanden. Ich verlasse dich nie. ...
Ich bin immer bei dir. Ich gehe nie weg von
dir!“
Im Gespräch mit den Anwesenden sagte sie, dass er an
diesem Tag von jedem einzelnen seiner
Kinder, Enkelkinder und Angehörigen ganz
bewusst Abschied genommen hatte. Bevor ich
mich verabschieden wollte, hatte ich das
Gefühl, dass ich noch mit ihm beten sollte.
Zuerst haben wir miteinander das „Vater
unser“ gebetet - später habe ich ihm das
Gebet von Charles de Foucauld (GL 5,5)
vorgebetet und er sprach mir Satz für Satz
nach:
„Mein Vater, ich überlasse
mich Dir, mach mit mir, was Dir gefällt. Was
Du auch mit mir tun magst, ich danke Dir. Zu
allem bin ich bereit, alles nehme ich an.
Wenn nur Dein Wille sich an mir und an all
Deinen Geschöpfen erfüllt, so ersehne ich
weiter nichts, mein Gott. In Deine Hände
lege ich meine Seele; ich gebe sie Dir, mein
Gott, mit der ganzen Liebe meines Herzens,
weil ich Dich liebe, und weil diese Liebe
mich treibt, mich Dir hinzugeben, mich in
Deine Hände zu legen, ohne Maß, mit einem
grenzenlosen Vertrauen; denn Du bist mein
Vater“. Als das Gebet zu Ende war, gab er
seiner Dankbarkeit durch das Erheben seiner
rechten Hand Ausdruck. Er sprach noch leise:
„Ich danke Ihnen, ... sehr herzlich!“ ...
„Ich werde an Sie ... ... denken!“
Fast eine Idylle in der Krankenseelsorge, die wir uns
heutzutage kaum vorstellen können. Der
Kranke hatte das Gebet nicht ausgesprochen,
weil der Priester da war, sondern weil er
glaubte, dass Beten das einzige Mittel sei,
seine quälenden Schmerzen zu ertragen.
Hinter dieser tiefen Religiosität steckt ein
ganzes Leben, das ihm in seiner Verzweiflung
den Halt, und nun die Bereitschaft, sein
Leben in Gottes Hände zurückzulegen, gab.
Wenn alle unsere Kranken so reagieren
würden, wäre dieser Bereich einer der
interessantesten und attraktivsten in
unserer Pastoral. Leider geht der Seelsorger
oftmals nicht mit großer Begeisterung zu den
Kranken.
II. Das Krankenhaus und das Altenheim:
Station zwischen „können“ und „nicht
können“, zwischen „dürfen“ und „nicht
dürfen“
Schon an der Tür riecht man es. Da ist eine
andere Luft. Und der Seelsorger weiß
Bescheid: hier sind Menschen, die nicht
alles können, die dies und jenes nicht
dürfen. Wie oft bekommt er Sätze wie: „Wenn
ich nur endlich heim dürfte ...! ... diese
Langeweile hier .... das Essen ist eklig ...
das ständige Herumkommandieren der
Schwestern ... ...“ zu hören. Hinter all
diesen Aussagen steckt sowohl der Wunsch
nach Angenommensein und Verstandenwerden als
auch der Wunsch, sich aus diesem Gefängnis
zu befreien und zum alltäglichen Leben
zurückzukehren; in Freiheit zu leben - ohne
Anweisungen. Wenn der Patient dann
mitbekommt, wie das Personal, das eigentlich
die Kranken pflegen und zur Heilung
beitragen soll, über ihn redet: „die Leber
in ... 57“, „der Magenkrebs in ...68“, oder
„die Galle“, „der Blinddarm“ ... , wächst
der Wunsch nach Befreiung in ihm nur noch
mehr.
Die alte Frau, die nun aus ihrem eigenen Haus ins Alten-
und Pflegeheim eingeliefert wurde, empfindet
die Lage nicht anders. In diesem Heim für
Alte fehlt fast alles, was sie bisher in
ihrem Leben gehabt und erlebt hatte. Die
kahlen Wände ohne die ihr bekannten und von
ihr geliebten Bilder, ohne die Möbel, mit
denen sie alt geworden ist, ohne diese und
jene Ecke, die immer ihre „Lieblingsecke“
war, ... . Man bekommt ein Bett, einen
Tisch, einen Stuhl; um die Langweile zu
töten auch ein Radio und ein Fernsehgerät.
Und weil „der Fall schwierig ist“ und sie
nicht einfach in den Speisesaal kommen kann,
bekommt sie ihr Essen auf einem Tablett ins
Zimmer gebracht. Da ist keine Hand mehr, die
reicht und gibt, streichelt und hält, kein
„Du“, kein Vorname ...! Das Personal
verschenkt im besten Fall noch zwei Worte:
„Guten Appetit!“ – dann kann sie anfangen!
Meist sieht man im Krankenhaus oder Alten- oder Pflegeheim
das Personal hin und herhetzen, ganz nach
dem Motto: „Wir haben viel zu tun!“ Eine
junge Sozialpädagogikstudentin berichtete
über ihre Erfahrungen als Putzhilfe in einem
Ordensaltenheim: „Putzen ist hier wichtiger,
als Kontakte zu knüpfen oder mit den
Menschen zu sprechen. Meistens putze ich
sogar Sachen, die sowieso schon sauber sind.
Eine alte Frau sagte mir: ‚Wenn Sie morgen
kommen, habe ich selber schon alles geputzt;
vielleicht haben Sie dann fünf Minuten Zeit.
Ich möchte Ihnen so gerne mein Familienalbum
zeigen ... !’“
Meistens steht auch schon an der Eingangstür geschrieben,
wann – und vor allem wann keine
Besuchszeiten sind. Unsere Zentren für
Kranke, Alte- und Pflegebedürftige werden
mehr und mehr zu menschlichen
„Verödungszentren“, in denen beziehungslose
Apparate absolut dominieren und das
Menschliche zu kurz kommt. Ganz treffend
schreibt Kristiane Albert-Wybranietz (Körner
Verlag): „Manche sterben durch Unfall.
Manche sterben durch Krankheit. Manche
sterben durch Gewalt. Manche sterben an
Altersschwäche. Manche sterben durch ihre
eigene Hand. Viele sterben jedoch an
Lieblosigkeit. Das ist der schlimmste Tod,
weil man danach noch weiterlebt“. Und dieses
„Leben“ danach ist meist das Arbeitsfeld, in
dem sich der Seelsorger bewegt.
III. Der moderne Kranke
Der ideale Kranke, welcher am Anfang beschrieben wurde,
gehört noch zur „alten Generation“. Der
moderne Kranke verhält sich hingegen völlig
anders zu seiner Krankheit. Nicht wenige
Male bekommt man - besonders beim
Krankenbesuch bei jüngeren Kranken - zu
hören: „Ich bin doch nicht krank! Wozu
brauche ich einen Seelsorger?“ Hinter dieser
Aussage steckt eine völlig andere
Einstellung gegenüber dem Kranksein als in
früheren Zeiten. Schon bei der Besprechung
sagt der Arzt zum Patienten: „Am Montag Früh
kommen Sie dran. Sie bekommen eine lokale
Anästhesie ... die OP wird knapp 2 Stunden
dauern ... . Sie können alles auf dem
Bildschirm verfolgen, wie im Fernsehen ...
Sie wissen dann Bescheid ... nach 3 Tagen
können Sie wieder nach Hause und nach einer
Woche sind Sie ganz fit!“ Es geht um die
schnelle „Reparatur“ eines Organs, eines
Kranken. In der Medizin von heute wird der
Patient überwiegend unter dem Blickwinkel
der Lehrbücher betrachtet. Kranksein
versteht sich hier als eine „Abweichung von
bestimmten Normwerten“. Darum gilt es, die
Krankheit abzuschaffen, den defekten Teil
des Körpers zu reparieren oder zu ersetzen.
Früher wusste man, dass Gesundheit ein
Geschenk Gottes ist; heute glaubt man, sie
sei käuflich. Man versuchte auch, die
Schmerzen anzunehmen, glaubend, dass das
Leid zum Leben gehört. Heute hingegen wissen
wir, wie man das physische Leid lindern oder
sogar abschaffen kann. Wir versuchen um
jeden Preis den Schmerz zu vermeiden oder
wenigstens zu verdrängen. Kaum bekommen wir
Kopfweh, schon suchen wir die
Schmerztabletten in der Hosentasche. Wir
lernen, Schmerzen zu bremsen. Mit Recht
stellt sich der Synodalbeschluss „Unsere
Hoffnung“ die Frage: „Gerät unsere
Gesellschaft nicht immer mehr unter den Bann
einer allgemeinen Verständnislosigkeit,
einer wachsenden Unempfindlichkeit gegenüber
dem Leiden?“
Diese Wandlung ist deutlich in Zeiten einer Krankheit zu
sehen. Der Kranke stellt hohe Ansprüche an
seine Behandlung. Kranken- und
Zusatzversicherungen, die im Fall der Fälle
mit Millionenbeträgen aufwarten, sind der
beste Beweis dafür. Wie aber wird der
Patient denn dem Pflegepersonal gegenüber
Dankbarkeit empfinden können, wenn er alles
als eine „bezahlte Dienstleistung“ ansieht?
Wie kann dabei eine
Patient-Pflegepersonal-Beziehung
zustande kommen?
Auch der Seelsorger ist in der veränderten Situation oft
überfordert. Darüber hinaus sieht er ein
Gemeindemitglied oft zum ersten Mal im
Krankenhaus. Schon bei seinem Krankenbesuch
in der nächsten Woche heißt es dann, der
Patient sei bereits wieder „entlassen“
worden. Außerdem wird die Zahl der Patienten
in den Kliniken und Altenheimen immer
größer, weil viele kleine Einrichtungen
durch wenige Große ersetzt werden. Im
Gegensatz zu überschaubaren Heimen baut man
heute „Zentren“ für Alte und Kranke. Des
weiteren ist der ganze Seelsorgebereich
durch die distanzierte Haltung der Menschen
zu Religion und Kirche erschwert worden.
Dadurch erfahren die Seelsorger nicht selten
Zurückhaltung oder sogar Ablehnung. Man
braucht eine andere Lösung als die
klassische. Der Seelsorger einer Gemeinde
oder Seelsorgeeinheit steht vor einer
riesigen Anzahl von Menschen, die seinen
Trost, sein Dasein, sein Verständnis und
sein Mitleid brauchen: Einsame, Kranke,
Deprimierte, Alte, ... .
Aber der Seelsorger muss sich einer weiteren
Herausforderung stellen: Es muss immer etwas
in der Gemeinde los sein. Oft hört man über
einen Pfarrer und seine Pfarrei: „Da, in
dieser Gemeinde ist viel los“ ... oder: „Da
läuft nichts!“. Deswegen setzt der Pfarrer
seine ganze Kraft, seine Zeit, seine Ideen
dafür ein, um in der Gemeinde etwas
umzusetzen, Schlagzeilen zu machen. Wer hat
dann die Zeit und Ruhe, um Kranke und Alte
zu besuchen und sich um sie zu kümmern? „Sie
können ja sowieso nichts mehr tun!“ Rein
wirtschaftliche Gedanken, die der Identität
eines Seelsorgers widersprechen sollten!
Auch die Menschen haben sich mit der Art eines
Seelsorgers, der Pfarrer ist, längst
abgefunden: Der „Ottonormalverbraucher“ in
einer Gemeinde sagt: „die Pfarrei braucht
einen Pfarrer, um die Messe zu lesen, zu
taufen, ..., ..., die Toten zu begraben.“
Nicht wenige Seelsorger sind dabei tief
enttäuscht, denn sie werden nur gebraucht,
damit die Gemeinde „versorgt“ wird.
Heutzutage erwartet man vom Pfarrer eher,
dass er sich um organisatorische und
verwalterische Tätigkeiten, als um die
Seelen der Menschen kümmert.
IV. Vom „Pfarrer“ zum „Seelsorger“
Eine christliche Gemeinde ist keine Kopie der weltlichen
Gemeinde. Sie hat eine andere Identität. So
kann sie sich ein Paradigma einer echten
christlichen Gemeinschaft aus der
Apostelgeschichte zum Vorbild nehmen (vgl.
Apg 2, 44-47). Sicherlich waren nicht alle
Mitglieder der Urgemeinde top-fit in Sachen
Gesundheit oder Alter. Auch unter ihnen gab
es Alte, Kranke, weniger Fähige, und
einfache Menschen: „Die Leute strömten
zusammen und brachten Kranke und von
unreinen Geistern Geplagte mit“ zu den
Aposteln (Apg 5, 16). Denn die Menschen
haben gewusst, dass die Apostel immer noch
die zündende Kraft des Leidens Jesu in sich
hatten. Seine Haltung gegenüber den Kranken
war eindeutig. Er ist ihnen nie ausgewichen,
sondern auf sie zugegangen, um bei ihnen zu
sein, sie zu heilen. Noch mehr: Er stellte
den Kranken in den Mittelpunkt, wie bei dem
Gelähmten (vgl. Mk 3, 3). Er stellte diesen
gelähmten Mann dorthin, wo sonst die
Torarolle ausgerollt wird, wo das Heiligste
seinen Platz hat! Er sagte nur: „Er braucht
unsere Aufmerksamkeit, Zuwendung und
Heilung.“ Durch das Verhalten Jesu zu den
Kranken ist die Sorge um unsere Kranken auch
etwas Göttliches. Der Maßstab beim letzten
Gericht hängt auch von unserem Umgang mit
den Kranken ab: „... ich war krank, und ihr
habt mich besucht ...“ (Mt 25, 36). Der
Seelsorger wird den Kranken bei der
Krankenpastorale nie gerecht, wenn er mit
Abstand und Schutz wegen der vielen
Verpflichtungen, nur „kurz“ und „schnell“
bei ihnen „reinschaut“. Die Krankheit eines
Menschen kann nämlich auch ein Symptom für
innere „Unordnung“ sein. Deswegen geht es
nicht nur um „irgendein Organ“, sondern um
den ganzen Menschen und seine Heilung. Der
Patient hat nicht nur eine Krankheit,
– er ist krank! Deshalb muss die
Heilung auch von innen heraus kommen. Sie
ist das Ziel eines jeden Seelsorgers. Ich
erinnere mich an einen Fall sehr gut: Bei
wöchentlichen Besuchen im Krankenhaus stand
ich an einem Krankenbett. Als der Arzt zur
Visite kam, ging ich hinaus. Dabei sagte der
Arzt: „Bitte laufen Sie nicht weg. Kommen
Sie doch bitte wieder herein, wenn ich
fertig bin. Herr W. .... braucht Sie dann
mehr als mich.“ Es geht nicht nur darum,
Fragen wie „Was gibt’s Neues?“ oder „Wie
geht’s?“ zu stellen, man braucht ein klein
wenig Zeit und Ruhe und vor allem Mitleid
und Sensibilität, um zu verstehen, was der
Kranke wirklich braucht.
Ein Theologiestudent wurde zum Praktikum in eine Klinik
geschickt. Bei der ersten Begegnung mit
einem unheilbar Kranken stellte er sich vor.
Beim zweiten Besuch fing der Student an, dem
Kranken einige religiöse Angebote
vorzustellen: „Hier gibt es eine Kapelle mit
regelmäßigen Gottesdiensten ... und wenn Sie
wollen, kann ich Sie rechtzeitig abholen.
Oder, wenn Sie beichten wollen, schicke ich
Ihnen einen Pfarrer. ... Oder wenn Sie
vermuten, dass Sie in Lebensgefahr .... .
Plötzlich unterbrach der Patient: „Würden
Sie mir einen Gefallen tun? Verlassen Sie
bitte mein Zimmer!“. Der Student geriet in
Verlegenheit. Nach einer Weile fing der
Patient aber unter Tränen an, zu erzählen:
„Wissen Sie, ... seitdem festgestellt wurde,
... dass ich eine unheilbare Krankheit habe,
... haben meine Frau und meine Kinder mich
verlassen. ... Ich habe AIDS! Ich bin nichts
mehr wert, nicht für einen einzigen Menschen
auf dieser Welt ...!“ Was der Seelsorger vor
allem im Blick haben sollte, ist die Kranken
so anzunehmen, wie sie sind. Es gibt keine
fixe Regel im Umgang mit den Kranken. Es
geht um ein Miteinander, darum, dass der
Kranke weiß: „Ja, der steht zu mir. Ich kann
mich in meinem Elend auf den Seelsorger
verlassen.“
Unser Ideal-Patient am Anfang war in den Augen der Ärzte,
Angehörigen, Bekannten und des
Pflegepersonals weder heilbar, noch war sein
Leben „lebenswert“. Und das weiß er genau.
Seine unendlichen Schmerzen müssen ein Ende
nehmen, so dass er endlich „erlöst“ wird!
Doch selbst zu diesem Zeitpunkt, in dem der
Patient eigentlich alle Hoffnung aufgeben
musste, bittet er nur noch um eines: „Bitte
lass mich nicht allein!“ Als seine Tochter
eine Weile aus dem Zimmer ging and später
wieder zurückkam, fragte der Patient
ziemlich energisch: „Wo warst du?“ Die Wärme
und Nähe seiner Frau und Tochter haben
besser gewirkt, als das Beruhigungsmittel,
das er ständig durch die Infusion bekam. Das
heißt konkret: Menschen bei sich haben, die
die Krankheit, die Schmerzen, das
Nichts-Können, die Einsamkeit verstehen.
Wird ein Pfarrer, der seinen Dienst antreten
will, diesen Erwartungen auch gerecht?
Thomas Merton, ein berühmter Trappist, der sehr
zurückgezogen lebte, hatte eine große
Fähigkeit: Mitleid. Er schaute weder
Fernsehen, noch hörte er Radio, las nur
selten Zeitungen. Aber er war ganz Ohr für
das Leid seiner Mitmenschen. Durch Briefe
und Gespräche hat er Menschen aus aller
Welt, aus allen Schichten und Gruppen, Trost
und Beistand geschenkt. Seine Einsiedelei
war oft die „Empfangshalle“ für Männer und
Frauen, die Rat bei ihm suchten. Er hörte
sie mit seinem Herzen, betete mit ihnen,
verbrachte Zeit mit ihnen, ließ sie am Leben
teilnehmen, damit sie wieder mit neuer Kraft
und Hoffnung in ihren Alltag zurückkehren
konnten. Dadurch fanden sie festen Halt. Es
geht darum, verstanden zu werden. Eine
Voraussetzung dafür ist jedoch die
Fähigkeit, als Seelsorger die eigenen Wunden
anzunehmen.
Rabbi Joschua ben Levi traf den Propheten Elija, der vor
dem Eingang zur Höhle stand. Er fragte
Elija: „Wann kommt der Messias?“ Elija
antwortete: „Geh und frag ihn selbst“. „Wo
finde ich ihn?“, fragte Joschua. „Er sitzt
am Stadttor“, antwortet Elija. „Und wie kann
ich ihn erkennen?“ fragte Joschua wieder.
„Er sitzt unten bei den Armen, über und über
mit Wunden bedeckt. Die anderen binden alle
ihre Wunden auf einmal frei und verbinden
sie dann wieder. Er aber nimmt immer nur
einen Verband ab und legt ihn sofort wieder
an, denn er sagt sich: ‚Vielleicht braucht
man mich. Wenn ja, dann muss ich immer
bereit sein und darf keinen Augenblick
säumen.’“
Dann ging Rabbi Joschua ben
Levi zum Messias und sprach zu ihm: „Der
Friede sei mit Dir, mein Meister und
Lehrer!“ Der Messias antwortete: „Der Friede
sei auch mit dir, Sohn des Levi!“ „Wann
kommst du?“, fragte jener. Er antwortete:
„Heute!“
Rabbi Joschua kehrte zu Elija zurück, der fragte: „Und,
was hat er dir gesagt?“. Eigentlich hat er
mich belogen, denn er hat gesagt: „Heute
komme ich! Aber er ist nicht gekommen.“
Elija aber antwortete: „Das hat er dir
gesagt: Heute, wenn ihr meine Stimme hört!“
(Ps 95, 7-9). Hört der Seelsorger die
Stimme des Verwundeten, ..., ..., ...?
Dann kann er den Messias im Kranken sehen
und erleben!
V. Zum Aufbau eines Mit-Seelsorgeteams in der Kranken- und Altenpastoral
Die Struktur einer Gemeinde verändert sich sehr rasch:
immer weniger Priester, immer mehr Alte,
Kranke und Pflegebedürftige. Die
Alterspyramide der Gemeindemitglieder hat
inzwischen längst eine Pilzform angenommen.
Die alte Generation breitet sich oben aus
und wird von einem dünnen Stamm der jungen
Generation gestützt. Zu dieser oberen,
breiten Fläche gehört auch die alte
alleinstehende Frau, die nun im Alten- und
Pflegezentrum ist. Doch auch sie hat das
Recht, vom Gemeindeseelsorger besucht und
auch betreut zu werden, selbst wenn sie aus
der Gemeinde nun verschwunden ist.
Auf der anderen Seite wird immer wieder ernsthaft
überlegt: „Wie decken wir diesen Bereich der
Alten und Kranken in einer Gemeindeseelsorge
noch ab?“ Mit einem Seelsorger ist diese
zeitaufwändige Aufgabe kaum zu bewältigen.
Seine Zeit und Kraft sind genauso begrenzt,
wie die jedes Engagierten in der
Öffentlichkeit oder im Beruf. Aber sollten
manche Seelsorger nicht einmal ihre Hand
aufs Herz legen und sich selbst fragen: „Wie
kann ich den Kranken und alten Menschen in
meiner Gemeinde gerecht werden?“ Wenn ein
Seelsorger an seinen kranken
Gemeindemitgliedern interessiert ist und er
sich für sie genauso einsetzt, wie für die
Kirchenrenovation, die Orgelerweiterung, die
Modernisierung des Kindergartens,
stimmungsvolle Gottesdienste oder
Wallfahrten in ferne Länder, dann kann er
auch seine Gemeindemitglieder ermutigen,
sich für die Kranken und Alten in seiner
Gemeinde zu engagieren. Dann werden auch
viele bereit sein, ihn ehrenamtlich zu
unterstützen.
Es geht um ein Team von Menschen, die den Heilsdienst als
christliche Aufgabe verstehen und diese auch
gerne übernehmen. Diese Menschen haben dann
nicht in erster Linie eine
religiös-ritualisierte Versorgung der schwer
Kranken und Sterbenden zu leisten, sondern
aus der Perspektive einer ganzheitlichen
Respektierung und Akzeptanz jedes Menschen
zu handeln und sich von seinen Bedürfnissen
und Fragen sowie von seiner Bereitschaft,
überhaupt in eine Kommunikation einzutreten,
leiten zu lassen,
um dann als Vermittler zwischen Gemeinde und
Seelsorger zu wirken. Es geht um eine
Vernetzung aller Gruppen in einer Gemeinde.
Um solchen Herausforderungen gerecht zu
werden, braucht man jedoch eine
entsprechende Fachausbildung, wie z. B.
„klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie“
oder „klinische Seelsorgeausbildung“, die
die Gemeinde dann auch mit allen Mitteln zu
fördern hat. Denn die Gemeinde ist der Ort,
wo sich Kranke, Schwache und Alte selbst in
ihrem Unwohlsein möglichst wohlfühlen
sollten, nicht (nur) in einer
Spezial-Einrichtung, die meistens vom
normalen Leben abgetrennt ist. Die Gemeinde
hat die Verpflichtung, auch in den Kranken-
und Alteneinrichtungen anwesend zu sein und
auch dort Seelsorge bei den Menschen
auszuüben. Denn seelsorglich gesehen
befinden sich Einrichtungen für Kranke, Alte
und Pflegebedürftige nicht auf
exterritorialem, sondern auf seelsorglichem
Gelände. Hier geht es um einen Dienst, der
zur Heilung führt. Das gehört unausweichlich
zur Sendung der Kirche, der Gemeinde.
Unser Ideal-Patient und
seine Bitte: „Lass mich nie allein! ...
Verlass mich bitte nicht!“ darf nicht
überhört werden.
Zum Autor: Dr. Paul Chummar C. CMI ist
Dozent im Fachbereich theologische Ethik an
der Catholic University of Eastern Africa
(CUEA), Nairobi, Kenia. Über 22 Jahre war er
in Deutschland in der Gemeindeseelsorge
sowie Kranken- und Krankenhausseelsorge
tätig. Er hat ein Lizentiat im Fachbereich
Pastoralpsychologie und sich durch eine
vierjährige Ausbildung zum Berater für Ehe-,
Familie-, und Lebensfragen und zum
klinischen Seelsorger spezialisiert. Mit
einer Dissertation über medizinische
Anthropologie – medizinische Ethik hat er
promoviert. Über 8 Jahre war er an einer
Ehe- und Sexualberatungsstelle einer
Großstadt als Mitarbeiter tätig und steht
heute noch den Studenten und dem Personal
der Hochschule sowie den Straßenkindern mit
Rat und Tat zur Seite. Des weiteren bildet
er Studentinnen und Studenten zu sogenannten
„Peer Counsellors“ aus.
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